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Die Awalim

Die ersten "Großverdienerinnen" der Entertainment Branche
Ein Artikel, der 2007 in der Printausgabe erschienen ist.
 

Sie waren die gebildeten Frauen, unterrichtet in den schönen Künsten, verstanden es zu singen, zu dichten, beherrschten Instrumente und Literatur. Sie gingen einer besonderen "Arbeit" nach - konnten in die Harems der Großen und Reichen gehen und sie wieder verlassen. Als Unterhalterinnen der Damen und auch als Lehrerinnen.
Sie waren geachtet und respektiert: Die Awalim.
Ihren Berufsstand fand man in den Städten Nordägyptens bis nach Kairo und wirkliche große Bekanntheit erlangten sie als Künstlerinnen etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das war allerdings schon die Zeit, als sie auch für einfachere Leute auftraten. Denn die neue, sich gern "modern" zeigende Oberschicht Ägyptens glänzte bei ihren Familienfeiern eher durch westliche Showeinlagen, während in traditionelleren und ländlicherem Umfeld man die Unterhaltung der Awalim vorzog.

Sie gingen nie unverschleiert aus (im Gegensatz zu den beispielsweise recht lockeren Ghawazee) und wie bessergestellte, angesehene Frauen gingen sie auch nicht zu Fuß, sondern ließen sich fahren oder ritten auf einem Esel.
Die Frauen jener Zeit waren als Unterhalterinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen und Musikerinnen sehr gefragt. Es gab richtige Frauenorchester, die von einer erfahrenen Künstlerin geleitet wurden, Usta, genannt. Sie war die Lehrerin, Ausbilderin der Gruppe, der Mädchen aus ihrer Familie und neuer Mitglieder.
Die Mohamed Ali Straße, in jener Zeit ein Vorzeigeobjekt des Vizekönigs (Khedive Ismail), sie hatte immerhin die erste Straßenbeleuchtung Kairos, war die Straße der Musikinstrumente und der Kaffee-Häuser, Treffpunkt der Vermittler für Künstler für Feste.
Während die Künstler/Innen meist in kleinen Seitenstraßen wohnten, lebten die Ustawat (Plural von Usta) in einer speziellen Gasse, Harit-el-Awalim. Ihre Häuser waren speziell dekoriert quasi als Werbung für die Gruppenchefin.
Da männliche Kunden die Häuser nicht betreten durften, empfing sie meist der Assistent oder Gehilfe der Usta, Mutayibati genannt. Die meisten Verhandlungen über Auftritte wurden jedoch in den Kaffee-Häusern der Mohammed Ali Straße abgewickelt.
Traditionell hatte die Alma (Singular von Awalim) einen männlichen Diener, Helfer beim Ankleiden (Sabi el-Alma), hier handelte es sich oft um Homosexuelle. Weiblichen Bediensteten war es nicht gestattet zu nachtschlafenden Zeiten außer Haus zu sein.
Sehr häufig wurde dieser Diener mit dem Namen "Abdo" genannt. Und später bei Baladi-Sketchen auf die Bühne gebracht. (siehe diverse Baladi-Sketche von Fifi Abdo)
Prestige war und ist wichtig für die Tänzerinnen, so sind traditionell die Kostüme und Instrumente vor der Tänzerin am Auftrittsort, ebenso das Orchester - und das ist auch heute noch so in Ägypten. Alles andere würde einen Prestigeverlust für die Künstlerin bedeuten.

In früheren Zeiten, wo Festivitäten beispielsweise Hochzeiten mehrere Tage dauerten, verblieben die Künstler dort im Hause und traten bei den verschiedenen Feiern auf. So bei der Lelit-el-Galwa, die Feier bei der die Braut ihren Schmuck ihre Preziosen den weiblichen Gästen zeigt, bei der Henna-Nacht und schließlich bei der eigentlichen Hochzeit (Lelit-el Dukhla). Die Prozession der Braut mit ihrer Ausstattung, Zaffit-el-Gihaz, wurde in jener Zeit gern von einem Orchester mit viel Blech begleitet. Siehe hier auch Fifi Abdo Show. Diese Orchester gingen aus der Militärmusik hervor und nannten sich nach dem Begründer Hassaballa.

Schließlich begleiteten die Awalim den Bräutigam zur Braut und tanzten und sangen für das junge Paar. Auf dem Schoße der Braut fand sich oft ein Tuch, in das dann die Trinkgelder für die Künstler gelegt wurden. Allerdings wurden die Künstler auch oft in Naturalien, wie Zigaretten und Kaffee entlohnt. Natürlich war die Usta als Chefin in besonderer Stellung dabei. Sie war meist aus dem Alter des Tanzen heraus und saß auf einem speziellen Platz und sang für die Hochzeitsgesellschaft. Hierbei bewegte sie den Oberkörper, den Bauch und die Arme, so dass wir von einer Art "Sitztanz" sprechen.
Die Awalim traten meist nur für die weiblichen Gäste auf, die Räume der männlichen Gäste waren durch Zeltbahnen abgetrennt.

Die große Zeit der Awalim war etwa zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Frauen wie Amina Shakhla, Saidiya El-Hage Hodda, El Hage Fahima, Aziza el Beda machten von sich reden. Die bekannteste jedoch war wohl Bamba Kashar, sie übertraf im Zenit ihrer Laufbahn sogar die sogenannte "Königin des Gesangs" Monira Al Mahdiya. Ihre wohl größte Rivalin allerdings war wohl Shafiqa al Qibtiya (die Koptin, sie stammte aus einer christlichen, koptischen Familie).
Man sagt, dass sie der Schwarm aller Männer jener Zeit war, obwohl sie nie ein Mann hatte tanzen sehen, denn wie eine anständige Alma, trat sie nicht für Männer auf, sondern nur für Frauen. Die Faszination und auch das Mysterium um sie waren so groß, dass einige Filme später über ihre Person gemacht wurden.
Bamba wurde wahrscheinlich in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts nahe der Mohammed Ali Straße geboren. Ihr Vater war kein Ägypter, er kam nach Kairo um an der Al-Azahr Universität Theologie zu studieren. Hier in Kairo heiratete er die Tochter eine guten Familie, die sich rühmte Nachfahren des Seljuken Sultans Inal Abu Al Nasr zu sein.
Durch seine gute Stimme und Interpretation geschätzt war er bei vielen Hochzeiten und Festen als religiöser Sänger eingeladen. Da er blind war, begleitete ihn seine Tochter Bamba zu den Auftritten und kam so in engen Kontakt mit der Musik. Sie schlich sich dann öfter zu den Frauen und beobachtete die Tänzerinnen um dann zuhause in aller Heimlichkeit da, was sie gesehen hatte nachzutanzen.
Man offerierte ihr zu tanzen, doch ihre Familie war strikt dagegen. Nach dem Tode des Vaters, untersagte ihr auch die Mutter das öffentliche Tanzen. Aus wirtschaftlichen Gründen entschloss sie sich dann doch Tänzerin zu werden.
Sie tanzte vornehmlich bei den Frauenfesten anlässlich von Hochzeiten. Sie wurde schnell bekannt und als die Beste ihrer Zunft angesehen. Sie bekam gute Angebote bei den Adeligen, doch konnte sich nicht recht an ihrem Ruhm und Reichtum freuen, denn ihr neuer Stiefvater nahm ihr das Geld ab und ließ ihr wenig. So heiratete sie schließlich um den Stiefvater los zu werden. Ihr Stern stieg schnell und nach der Scheidung von ihrem ersten Mann heiratete sie den reichsten und größten Metallwarenhersteller jener Zeit. Aber auch diese Ehe sollte nicht halten. Man erzählt, sie sei 8 mal verheiratet gewesen.  In letzter Ehe war sie mit dem großen Sänger und Komponisten Sheikh Sayed al Safqy verehelicht. Es wird sich erzählt, dass ihre Rivalin Monira die Ehe eingefädelt hätte in der Hoffnung, Bamba würde sich aus dem Geschäft zurück ziehen. Jedoch das war nur von kurzer Dauer, denn schon bald nach der Eheschließung verstarb Sayed al Safqy.
Auch andere rivalisierten mit Bamba, da ist u.a. auch Shafiqa (die Shafiqa, der man u.a. die Erfindung des Leuchtertanzes zuordnet) eine fantastische Tänzerin und Zeitgenossin von Bamba zu nennen.
Shafiqa wurde ca. 1851 in Shobra geboren und tanzte schon in ihrer Kindheit. Als junges Mädchen wurde sie dann von Shuq, einer damals ebenfalls bekannten Alma entdeckt und unter die Fittiche genommen. Sie eröffnete dann auch einen Klub, das Alf Leyla. Shafiqa verstarb, wie oft bei darstellenden Künstlern beobachtet, vergessen und in relativer Armut im Jahr 1926. Ein Kinofilm mit der bekannten Tänzerin Hind Rustom brachte das Leben von Shafiqa auf die Leinwand. )
In ihrer Glanzzeit gingen die Rivalitäten der bekannten Künstlerinnen so weit, dass sie alles daransetzten einander auszustechen - bei der Kunst aber auch im Auftreten. Die führte zu massiven Protzereien, wie vergoldeten Kutschenrädern mit Diamanteneinlagen und goldenen Absätzen an den Schuhen.

Beim Tanzen waren die Damen recht unterschiedlich.
Shafiqa war sehr innovativ mit neuen frischen Ideen und so sagte man Bamba nach, dass sie die Shows der Rivalin ausspionieren lies um dann selbst ähnliches zu tun.
Eine besondere Stärke von Bamba war auch ihre wunderschöne Stimme, sie setzte sie in ihren Shows häufig erfolgreich ein und beglückte ihr Publikum mit Liedern.

Eines jedoch verstärkte ihre Position ungemein: Sie weigerte sich standhaft vor Männern zu tanzen. So wird sich eine Anekdote erzählt, dass sie bei der Hochzeit der Tochter eines Ministers engagiert war und der Minister hinter dem Vorhang einen Blick zu erhaschen versuchte. Bamba bemerkte das und verprügelte den Spanner.
Nun, ob Wahrheit oder nicht - sicherlich recht amüsant.

Belegt ist das Sterbejahr von Bamba Kashar 1928 eine Zeit, die auch das Ende der großen Awalim bedeutete. Veränderungen, die sich langsam abzeichneten, die sodann die Hochburg "Mohammed Ali Straße" langsam niedergehen ließen. Zugunsten der Tanztheater (Sala) wie es z.B. später auch Badia Masabne führte.
Eine neue Ära, die des Raqs Sharqi schickte ihre ersten Anzeichen voraus.

Quellen: Feldstudien in Cairo
u.a Texte . „El Gawhara“ u. „Raks Sharki“

Reyhan Seward

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