Sie waren die gebildeten
Frauen, unterrichtet in den schönen Künsten, verstanden
es zu singen, zu dichten, beherrschten Instrumente und
Literatur. Sie gingen einer besonderen "Arbeit" nach -
konnten in die Harems der Großen und Reichen gehen und
sie wieder verlassen. Als Unterhalterinnen der Damen und
auch als Lehrerinnen.
Sie waren geachtet und respektiert: Die Awalim.
Ihren Berufsstand fand man in den Städten Nordägyptens
bis nach Kairo und wirkliche große Bekanntheit erlangten
sie als Künstlerinnen etwa zu Beginn des 20.
Jahrhunderts. Das war allerdings schon die Zeit, als sie
auch für einfachere Leute auftraten. Denn die neue, sich
gern "modern" zeigende Oberschicht Ägyptens glänzte bei
ihren Familienfeiern eher durch westliche Showeinlagen,
während in traditionelleren und ländlicherem Umfeld man
die Unterhaltung der Awalim vorzog.
Sie gingen nie
unverschleiert aus (im Gegensatz zu den beispielsweise
recht lockeren Ghawazee) und wie bessergestellte,
angesehene Frauen gingen sie auch nicht zu Fuß, sondern
ließen sich fahren oder ritten auf einem Esel.
Die Frauen jener Zeit waren als Unterhalterinnen,
Sängerinnen, Tänzerinnen und Musikerinnen sehr gefragt.
Es gab richtige Frauenorchester, die von einer
erfahrenen Künstlerin geleitet wurden, Usta,
genannt. Sie war die Lehrerin, Ausbilderin der Gruppe,
der Mädchen aus ihrer Familie und neuer Mitglieder.
Die Mohamed Ali Straße, in jener Zeit ein Vorzeigeobjekt
des Vizekönigs (Khedive Ismail), sie hatte immerhin die
erste Straßenbeleuchtung Kairos, war die Straße der
Musikinstrumente und der Kaffee-Häuser, Treffpunkt der
Vermittler für Künstler für Feste.
Während die Künstler/Innen meist in kleinen
Seitenstraßen wohnten, lebten die Ustawat
(Plural von Usta) in einer speziellen Gasse,
Harit-el-Awalim. Ihre Häuser waren speziell
dekoriert quasi als Werbung für die Gruppenchefin.
Da männliche Kunden die Häuser nicht betreten durften,
empfing sie meist der Assistent oder Gehilfe der Usta,
Mutayibati genannt. Die meisten Verhandlungen
über Auftritte wurden jedoch in den Kaffee-Häusern der
Mohammed Ali Straße abgewickelt.
Traditionell hatte die Alma (Singular von Awalim) einen
männlichen Diener, Helfer beim Ankleiden (Sabi
el-Alma), hier handelte es sich oft um
Homosexuelle. Weiblichen Bediensteten war es nicht
gestattet zu nachtschlafenden Zeiten außer Haus zu sein.
Sehr häufig wurde dieser Diener mit dem Namen "Abdo"
genannt. Und später bei Baladi-Sketchen auf die Bühne
gebracht. (siehe diverse Baladi-Sketche von Fifi Abdo)
Prestige war und ist wichtig für die Tänzerinnen, so
sind traditionell die Kostüme und Instrumente vor der
Tänzerin am Auftrittsort, ebenso das Orchester - und das
ist auch heute noch so in Ägypten. Alles andere würde
einen Prestigeverlust für die Künstlerin bedeuten.
In früheren Zeiten, wo
Festivitäten beispielsweise Hochzeiten mehrere Tage
dauerten, verblieben die Künstler dort im Hause und
traten bei den verschiedenen Feiern auf. So bei der
Lelit-el-Galwa, die Feier bei der die Braut ihren
Schmuck ihre Preziosen den weiblichen Gästen zeigt, bei
der Henna-Nacht und schließlich bei der eigentlichen
Hochzeit (Lelit-el Dukhla). Die Prozession der
Braut mit ihrer Ausstattung, Zaffit-el-Gihaz,
wurde in jener Zeit gern von einem Orchester mit viel
Blech begleitet. Siehe hier auch
Fifi Abdo Show. Diese Orchester gingen aus der
Militärmusik hervor und nannten sich nach dem Begründer
Hassaballa.
Schließlich begleiteten
die Awalim den Bräutigam zur Braut und tanzten und
sangen für das junge Paar. Auf dem Schoße der Braut fand
sich oft ein Tuch, in das dann die Trinkgelder für die
Künstler gelegt wurden. Allerdings wurden die Künstler
auch oft in Naturalien, wie Zigaretten und Kaffee
entlohnt. Natürlich war die Usta als Chefin in
besonderer Stellung dabei. Sie war meist aus dem Alter
des Tanzen heraus und saß auf einem speziellen Platz und
sang für die Hochzeitsgesellschaft. Hierbei bewegte sie
den Oberkörper, den Bauch und die Arme, so dass wir von
einer Art "Sitztanz" sprechen.
Die Awalim traten meist nur für die weiblichen Gäste
auf, die Räume der männlichen Gäste waren durch
Zeltbahnen abgetrennt.
Die große Zeit der
Awalim war etwa zum Ende des 19. und zu Beginn des 20.
Jahrhunderts. Frauen wie Amina Shakhla, Saidiya
El-Hage Hodda, El Hage Fahima, Aziza el Beda
machten von sich reden. Die bekannteste jedoch war wohl
Bamba Kashar, sie übertraf im Zenit
ihrer Laufbahn sogar die sogenannte "Königin des
Gesangs" Monira Al Mahdiya. Ihre wohl
größte Rivalin allerdings war wohl Shafiqa al
Qibtiya (die Koptin, sie stammte aus einer
christlichen, koptischen Familie).
Man sagt, dass sie der Schwarm aller Männer jener Zeit
war, obwohl sie nie ein Mann hatte tanzen sehen, denn
wie eine anständige Alma, trat sie nicht für Männer auf,
sondern nur für Frauen. Die Faszination und auch das
Mysterium um sie waren so groß, dass einige Filme später
über ihre Person gemacht wurden.
Bamba wurde wahrscheinlich in den fünfziger Jahren des
19. Jahrhunderts nahe der Mohammed Ali Straße geboren.
Ihr Vater war kein Ägypter, er kam nach Kairo um an der Al-Azahr Universität Theologie zu studieren. Hier in
Kairo heiratete er die Tochter eine guten Familie, die
sich rühmte Nachfahren des Seljuken Sultans Inal Abu Al
Nasr zu sein.
Durch seine gute Stimme und Interpretation geschätzt war
er bei vielen Hochzeiten und Festen als religiöser
Sänger eingeladen. Da er blind war, begleitete ihn seine
Tochter Bamba zu den Auftritten und kam so in engen
Kontakt mit der Musik. Sie schlich sich dann öfter zu
den Frauen und beobachtete die Tänzerinnen um dann
zuhause in aller Heimlichkeit da, was sie gesehen hatte
nachzutanzen.
Man offerierte ihr zu tanzen, doch ihre Familie war
strikt dagegen. Nach dem Tode des Vaters, untersagte ihr
auch die Mutter das öffentliche Tanzen. Aus
wirtschaftlichen Gründen entschloss sie sich dann doch
Tänzerin zu werden.
Sie tanzte vornehmlich bei den Frauenfesten anlässlich
von Hochzeiten. Sie wurde schnell bekannt und als die
Beste ihrer Zunft angesehen. Sie bekam gute Angebote bei
den Adeligen, doch konnte sich nicht recht an ihrem Ruhm
und Reichtum freuen, denn ihr neuer Stiefvater nahm ihr
das Geld ab und ließ ihr wenig. So heiratete sie
schließlich um den Stiefvater los zu werden. Ihr Stern
stieg schnell und nach der Scheidung von ihrem ersten
Mann heiratete sie den reichsten und größten
Metallwarenhersteller jener Zeit. Aber auch diese Ehe
sollte nicht halten. Man erzählt, sie sei 8 mal
verheiratet gewesen. In letzter Ehe war sie mit dem
großen Sänger und Komponisten Sheikh Sayed al
Safqy verehelicht. Es wird sich erzählt, dass
ihre Rivalin Monira die Ehe eingefädelt
hätte in der Hoffnung, Bamba würde sich aus dem Geschäft
zurück ziehen. Jedoch das war nur von kurzer Dauer, denn
schon bald nach der Eheschließung verstarb Sayed al
Safqy.
Auch andere rivalisierten mit Bamba, da ist u.a. auch
Shafiqa (die Shafiqa, der man
u.a. die Erfindung des Leuchtertanzes zuordnet) eine
fantastische Tänzerin und Zeitgenossin von Bamba zu
nennen.
Shafiqa wurde ca. 1851 in Shobra geboren und tanzte
schon in ihrer Kindheit. Als junges Mädchen wurde sie
dann von Shuq, einer damals ebenfalls
bekannten Alma entdeckt und unter die Fittiche genommen.
Sie eröffnete dann auch einen Klub, das Alf Leyla.
Shafiqa verstarb, wie oft bei darstellenden Künstlern
beobachtet, vergessen und in relativer Armut im Jahr
1926. Ein Kinofilm mit der bekannten Tänzerin Hind
Rustom brachte das
Leben von Shafiqa auf die Leinwand. )
In ihrer Glanzzeit gingen die Rivalitäten der bekannten
Künstlerinnen so weit, dass sie alles daransetzten
einander auszustechen - bei der Kunst aber auch im
Auftreten. Die führte zu massiven Protzereien, wie
vergoldeten Kutschenrädern mit Diamanteneinlagen und
goldenen Absätzen an den Schuhen.
Beim Tanzen waren die
Damen recht unterschiedlich.
Shafiqa war sehr innovativ mit neuen frischen Ideen und
so sagte man Bamba nach, dass sie die Shows der Rivalin
ausspionieren lies um dann selbst ähnliches zu tun.
Eine besondere Stärke von Bamba war auch ihre
wunderschöne Stimme, sie setzte sie in ihren Shows
häufig erfolgreich ein und beglückte ihr Publikum mit
Liedern.
Eines jedoch verstärkte
ihre Position ungemein: Sie weigerte sich standhaft vor
Männern zu tanzen. So wird sich eine Anekdote erzählt,
dass sie bei der Hochzeit der Tochter eines Ministers
engagiert war und der Minister hinter dem Vorhang einen
Blick zu erhaschen versuchte. Bamba bemerkte das und
verprügelte den Spanner.
Nun, ob Wahrheit oder nicht - sicherlich recht amüsant.
Belegt ist das
Sterbejahr von Bamba Kashar 1928 eine Zeit, die auch das
Ende der großen Awalim bedeutete. Veränderungen, die
sich langsam abzeichneten, die sodann die Hochburg
"Mohammed Ali Straße" langsam niedergehen ließen.
Zugunsten der Tanztheater (Sala) wie es z.B.
später auch Badia Masabne führte.
Eine neue Ära, die des Raqs Sharqi schickte ihre ersten
Anzeichen voraus.
Quellen:
Feldstudien in Cairo
u.a Texte . „El Gawhara“ u. „Raks Sharki“